Die Premiere „Love and Other Demons“ in Chemnitz

Man kann nur immer wieder staunen über das künstlerische Niveau von Operninszenierungen in der deutschen Provinz. Eigentlich müsste man dafür plädieren, die hiesige Musiktheaterlandschaft endlich in das Kulturerbe der Unesco aufzunehmen. Weltweit gibt es keine solche Dichte an Opernhäusern, und in den Unesco-Kriterien wird ja explizit erwähnt, zu schützen seien Ereignisse, die „einzigartiges Zeugnis einer kulturellen Tradition darstellen“. Gilt das nicht für die achtzig Musiktheater von Aachen bis Meiningen und von München bis Freiberg in Sachsen? Und gibt es nicht Anzeichen für eine Bedrohung dieser einmaligen Kulturlandschaft, bedenkt man, dass 35 Kulturorchester seit 1992 aufgelöst und siebzehn Prozent der Musikerplanstellen in Deutschland wegrationalisiert wurden? Bayern immerhin hat das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth für die Weltkulturerbeliste der Unesco angemeldet. Tropfen auf den heißen Stein.

Vielleicht sollte man dem Kulturstaatsminister empfehlen, einmal durchs Land zu fahren und sich von dieser weltweit einzigartigen Kultur zu überzeugen. Das Theater Chemnitz könnte mit der deutschen Erstaufführung der Vertonung von Gabriel García Márquez’ Roman „Del amor y otros demonios“ („Von der Liebe und anderen Dämonen“) durch den ungarischen Komponisten Peter Eötvös ein guter Einstieg sein. Sie zeigt, dass die deutsche Opernprovinz auf internationalem Niveau agiert und selbst die spektakuläre Uraufführung des Werkes vor einem Jahr im englischen Glyndebourne in den Schatten stellen kann.

Peter Eötvös hat die Vorlage mit Hilfe seines Librettisten Kornél Hamvai in einen kongenialen, vorwiegend englisch gesungenen Opernstoff verwandelt, der die Kraft des Romans bewahrt und zugleich in ein anderes sinnliches Medium transformiert: Was bei Márquez in phantastischen Sprachbildern und archetypischen Szenen den Geist beflügelt, wird von Eötvös in wuchernde Klangfarben übertragen, die den Körper ergreifen. Das war schon bei der Uraufführung zu erahnen – wirklich erleben konnte man es aber erst jetzt in Chemnitz. Es liegt an einer beeindruckend gelungenen Kongruenz von Musik und Bühne, Orchesterklang und szenischer Aktion, suggestivem Bühnenbild und berauschendem Melos, magischer Stimmung und realistischem Detail. Voraussetzung dafür aber ist, dass der Regisseur in die Partitur schaut, der Bühnenbildner etwas vom Zauber kolumbianischer Atmosphäre zur Sklavenzeit einzufangen vermag, das Ensemble über sich hinauswächst, der Dirigent mit einer Mischung aus Strenge und Rubato alle atmen lässt und das gesamte Team das Werk in gleichschwebender Temperatur erfasst. (…)

Frank Beermann leitete ebenso vehement wie umsichtig das zu allen notwendigen Bruitismen des Plots wie schwebenden Klangfarben fähige Orchester. Eine bravouröse Aufführung, die in Erinnerung bleiben wird.

Wolfgang Sandner
Frankfurter Allgemeine Zeitung

04.02.2009